Lyrik

Nebel

von Brige am 27. Dezember 2011, 19:57

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Der blasse Nebel schreitet
Gespenstisch durch die Flur,
Und hüllt in seine Schatten
Die schlummernde Natur.

Er streckt die Riesenarme
Hin über’s weite Land,
Und fährt mit kaltem Finger
Mir über Stirn und Hand.

Und Wiesen, Wälder, Höhen
Und Thäler rings umher
Verschwinden und versinken
Im weiten Nebelmeer.

Der böse Gast verschleiert
Mir gar der Sterne Acht;
Und selbst aus Liebchens Fenster
Kein Strahl die Nacht durchbricht.

Doch mag er weiter brauen,
Ich kenne das Revier;
Trotz Nebel, Nacht und Grauen
Find’ ich den Weg zu Dir!

August Freudenthal
(1851-1898)

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Winternacht

von Brige am 7. Dezember 2011, 20:50

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Verschneit liegt rings die ganze Welt,
ich hab’ nichts, was mich freuet,
verlassen steht der Baum im Feld,
hat längst sein Laub verstreuet.

Der Wind nur geht bei stiller Nacht
und rüttelt an dem Baume,
da rührt er seinen Wipfel sacht
und redet wie im Traume.

Er träumt von künft’ger Frühlingszeit,
Von Grün und Quellenrauschen,
Wo er im neuen Blüten-Kleid
Zu Gottes Lob wird rauschen.

Joseph von Eichendorff
(1788-1857)

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Das Ei

von Brige am 1. April 2011, 21:27

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Es fiel einmal ein Kuckucksei
Vom Baum herab und ging entzwei.

Im Ei da war ein Krokodil;
Am ersten Tag war’s im April.

Joachim Ringelnatz
(1883-1934)

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Ideale Wahrheit

von Brige am 30. März 2011, 07:34

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Gestern entschlief ich im Wald, da sah ich im Traume das kleine
Mädchen, mit dem ich als Kind immer am liebsten verkehrt.
Und sie zeigte mir hoch im Gipfel der Eiche den Kuckuck,
Wie ihn die Kindheit denkt, prächtig gefiedert und groß.
“Drum! dies ist der wahrhaftige Kuckuck!” – rief ich – “Wer sagte
Mir doch neulich, er sei klein nur, unscheinbar und grau?”

Eduard Mörike (1804-1875)

Der Kuckuck wird in Volkslegenden und in Dichtungen der Romantik als Schicksalsvogel verehrt, der die Ankunft des Frühlings bestätigt und die Lebenszukunft der Menschen versinnbildlicht.

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Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

von Brige am 2. Februar 2011, 20:25

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Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit,
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn’s Mittag vom Thurme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: „Junge, wist’ ne Beer?“
Und kam ein Mädel, so rief er: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb’ ne Birn.“

So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. ’s war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit,
Da sagte von Ribbeck: „Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit in’s Grab.“
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner, mit Feiergesicht
Sangen „Jesus meine Zuversicht“
Und die Kinder klagten, das Herze schwer,
„He is dod nu. Wer giwt uns nu ’ne Beer?“

So klagten die Kinder. Das war nicht recht,
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht,
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt,
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er that,
Als um eine Birn’ in’s Grab er bat,
Und im dritten Jahr, aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet’s wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung’ über’n Kirchhof her,
So flüstert’s im Baume: „wiste ne Beer?“
Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew’ Di ’ne Birn.“

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

Theodor Fontane
(1819-1898)

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von Brige am 28. Dezember 2010, 20:23

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Ein weich verpackter,
Ein fein befrackter,
Nicht sehr intakter
Charakter.

Den Vers, den hab’ ich im Vorrath gemacht,
Ganz ohne Objekt; ich hab’ halt gedacht:
Ich mach’ ihn einmal, er wird schon passen,
Man kann ihn brauchen in allen Gassen.

Friedrich Theodor Vischer
(1807-1887)

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Der Winter.

von Brige am 2. Dezember 2010, 18:30

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Isch echt do obe Bauwele feil?
Sie schütten eim e redli Theil
in d’Gärten aben un ufs Hus;
es schneit doch au, es isch e Gruus;
und ’s hangt no menge Wage voll
am Himmel abe, merki wohl.

Und wo ne Ma vo witem lauft,
se het er vo der Bauwele gchauft;
er treit si uf der Achsle no,
und uffem Huet, und lauft dervo.
Was laufsch denn so, du närsche Ma?
De wirsch sie doch nit gstohle ha?

Und Gärten ab, und Gärten uf,
hen alli Scheie Chäpli uf.
Sie stöhn wie großi Here do;
sie meine, ’s heigs sust Niemes so.
Der Nußbaum het doch au si Sach,
und ’s Here Hus und ’s Chilche-Dach.

Und wo me luegt, isch Schnee und Schnee,
me sieht ke Stroß un Fueß-Weg meh.
Meng Some-Chörnli, chlei und zart,
lit unterm Bode wohl verwahrt;
und schnei’s, so lang es schneie mag,
es wartet uf si Ostertag.

Meng Summer-Vögli schöner Art
lit unterm Bode wohl verwahrt;
es het kei Chummer und kei Chlag,
und wartet uf si Ostertag;
und gangs au lang, er chunnt emol,
und sieder schlofts, und ’s isch em wohl.

Doch wenn im Früehlig ’s Schwälmli singt,
und d’Sunne-Wärmi abedringt,
Potz tausig, wacht’s in jedem Grab,
und streift si Todte-Hemdli ab.
Wo nummen au ne Löchli isch,
schlieft ’s Leben use iung und frisch. -

Do fliegt e hungrig Spätzli her!
e Brösli Brod wär si Begehr.
Es luegt ein so erbärmli a;
’s hei sieder nechte nüt mehr gha.
Gell Bürstli, sell isch andri Zit,
wenn ’s Chorn in alle Fure lit?

Do hesch! Loß andern au dervo!
Bisch hungerig, chasch wieder cho! -
’s mueß wohr sy, wie ’s e Sprüchli git:
„Sie seihe nit, und ernde nit;
„sie hen kei Pflug und hen kei Joch,
„und Gott im Himmel nährt sie doch.

Johann Peter Hebel
1760-1826

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