Oder: Wandern im Dörrex
Die belegten Brote der Bäckerei Wintrich waren so gut, dass wir uns heute Morgen gleich nochmals dort eindeckten. Das volle Programm, will heissen: Brötchen (Brige: Dinkel, ich: Roggen, schliesslich habe ich zu Studienzeiten in Zürich an der Roggenstrasse gewohnt), Salatblatt, Gurke, Tomate, Remoulade, Butter und Käse. Und alles ganz frisch. Zwei Brötchen zusammen € 5.80. Meisterqualität!

Der Wetterbericht für heute ist schwierig, es soll nochmals richtig heiss werden, und nach dem Mittag soll eine Störung mit massiven Böenspitzen Deutschland von Südwest nach Nordost durchqueren. Tagesschau-Meteorologe Sven Plöger schaute gestern ganz ernst, als er vor den Orkanböen warnte.
Wir fahren mit dem Taxi wieder zum gleichen Punkt, wo wir gestern abgeholt worden sind, und starten um etwa halb Neun. Kaum warmgelaufen, erwartet uns der Aussichtsturm beim Fünf-Seen-Blick. Die 25 zusätzlichen Höhenmeter nehmen wir locker, und die Aussicht ist grandios. Da die Mosel in vielen Schleifen verläuft und ihr Lauf optisch manchmal unterbrochen ist, könnte man tatsächlich meinen, fünf Seen zu sehen.



Die Route führt in der Höhe Richtung Norden, wo sich allmählich der Blick öffnet auf eine riesige Schleife der Mosel, auf deren Landinnenseite sich Weinstock an Weinstock reiht. Wir überblicken ein rund acht Quadratkilometer grosses Weinanbaugebiet, einfach unglaublich! Und die Anbaugebiete in der Flanke auf der anderen Seite der Mosel, ganz hinten im Bild, die kommen noch dazu.

Es ist jetzt etwa 10 Uhr und schon unglaublich schwülheiss; wir sind froh um jedes kurze Wegstück, das auch nur ansatzweise durch Wald führt und etwas kühleren Schatten spendet. Leider geht es bald aus dem Wald hinaus und hinab Richtung Leiwen. Das dauernde Auf- und Ab ist typisch für den Moselsteig; die Mosel weist hier eine Höhe von 116 m.ü. NHN, wir sind also 215 Meter tiefer als die Aare bei Brugg. Und hoch bedeutet hier einen schweisstreibenden Anstieg um rund 150 Höhenmeter …
Einen solchen haben wir gleich wieder vor uns, der Weg führt zum Leiwener Kapellchen, wo wir uns stärken und vor allem trinken.


Der Weg führt jetzt in der Höhe etwas von der Mosel weg, und wir blicken in das angrenzende Tal, wo die kleine Dhron fliesst. Hier ist es wild, karg, ausgedorrt und heiss, es sieht ein wenig wie in der Macchia aus. Auch hier stösst man auf Weinberge, allerdings solche, die nicht mehr genutzt werden und deren Mauern und Treppen am Verfallen sind.

Mitterweile ist es 11 Uhr und jetzt kommt böiger, heisser Wind auf. Die Windstösse sind stark, man kann es im nächsten Bild an den Büschen erahnen. Wir sind uns ja Wärme gewohnt, aber jetzt butzt es uns schier ab der Hitze und dem Wind. So müssen sich die Apfelringli im Dörrex fühlen …

Die Böen sind heftig, unmittelbar vor uns kracht ein abgestorbener Baum auf die Strasse, und wir erschrecken ziemlich. Zum Glück passiert auf dem weiteren Weg nicht Gravierendes mehr.

Der Wind bringt Bewölkung, es wird etwas dunkler, aber nicht kühler. Der letzte Abstieg des Tages führt uns zur Märtyrer-Kapelle. Die Legende sagt, dass das Blut der christlichen Märtyrer, die im Jahr 286 in Trier ihr Leben lassen mussten und deren Körper in die Mosel geworfen wurden, das Wasser der Mosel bis hierhin rot gefärbt habe.

Die letzten Kilometer der Route teilen wir Wanderer mit den Fahrradfahrern, von denen wir aber kaum einen sehen. Wir haben bis jetzt auch kaum andere Wanderer angetroffen. Bald erreichen wir Neumagen-Dhron, ein klassisches Strassendorf, dessen Strassenachse genau in der aktuellen Windrichtung liegt. Und es bläst wieder gewaltig, der ganze Staub und Dreck, Blätter von den Bäumen, Plastic und Papier peitschen durch die Luft, und wir werden sandgestrahlt und gepudert.
Am anderen Dorfende befindet sich das Bureau des Fahrservice Gabriela Kreusch. Sie fährt uns persönlich ins Hotel in Osann-Monzel, dem übernächsten Dorf. Unterwegs erfahren wir allerhand über den Weinbau der Region. Hier kämpft man mit den gleichen Problemen wie in der Schweiz; strenge Arbeit, sinkende Nachfrage, eher hohe Weinpreise.
Im Hotel in Monzel werden wir drei Nächte verbringen, und jeweils mit Bus und Taxi zu den Startorten der nächsten zwei Etappen beziehungsweise wieder ins Hotel zurückfahren.
Hallo Ihr Lieben, wir danken für Eure professionellen Berichte mit den vielen Fotos. Die DB hat Euch nicht vergessen und die Pannen zum richtigen Zeitpunkt gestartet! Das Moselgebiet ist wunderbar und wir wüschen Euch weiterhin viele erlebnisreiche Wandertage wenn möglich mit etwa weniger „Wärme“
Gestern hatten auch wir einen Hitzetag bis 38 Grad und alles lechzt nach Wasser. Empfangt auf diesem Weg liebe Grüsse schönes Wochenende und bleibt gesund und Vorsicht bei Sturm.
Vreni & Fritz
Eine heissere Wanderzeit hätte man vermutlich nur schwerlich gefunden. Aber das junge Volk ist ja topfit und lässt sich von einigen Graden zu viel nicht ins Bockshorn jagen!
Ich wünsche weiterhin „Gut Marsch“. Tragt auch Sorge zu euren Fusssohlen. Mit Blasen wandert es sich deutlich mühsamer als blasenfrei.
Jürg
Sturm sollte es eigentlich keinen mehr geben, höchstens ein Waldbrand könnte uns noch aufhalten. Zum Glück gibt es hier kein 1.-August-Feuerwerk.
Wir sind gespannt, ob wir noch einen Tag unter dreissig Grad erleben vor unserer Heimreise. Es ist alles andere als sicher.