Zuerst ein paar Worte noch zu gestern. Unser Hotelzimmer verfügte über einen kleinen Balkon, der direkt auf die Mosel ging, also alles wunderbar. Nur schade, dass auf dem links angrenzenden Balkon ein alter Kettenraucher irgendwelche üblen Zigaretten rauchte und auf dem Balkon rechts von uns vier Personen in unserem Alter mit ziemlichen Getöse einen 66. Geburtstags feierten. Also flüchteten wir, gingen nochmals spazieren und wurden auf einem schönen Platz im Zentrum von Auftritten verschiedener Chöre überrascht. Das hat uns sehr gut gefallen.
Heute Morgen war es ein ziemliches Hin-und-her. Zuerst marschierten wir durch halb Zell zur einzigen Bäckerei, die so früh belegte Brötchen macht und weil das komplizierte Ehepaar vor uns gefühlt drei Stunden brauchte, um sechs Konditorei-Teilchen auszusuchen, verpassten wir den Bus. Das hingegen bot die Gelegenheit, nochmals zurückzuspazieren, um den schönen Hauseingang zu fotografieren, der uns gestern Abend schon aufgefallen war.

So viele Busse, die alle in die gleiche Richtung fahren, hat man selten zur Auswahl. Bei dieser Gelegenheit grüssen Brige und ich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Schweizerischen Idiotikons. Vom Lindenplatz in Zell ging es mit dem Bus zum Wanderstart in Merl.

Es wandert sich gut, denn es ist angenehm frisch heute Morgen. Der übliche erste steile Aufstieg fällt uns heute leichter. Unterwegs bestaunen wir die Arbeiten im Rebberg, wo einer alleine zwischen den in der Senkrechten angelegten Rebstöcke mäht. Das blaue, kleine Raupenfahrzeug ist mit einer Seilwinde mit der Ladefläche hinter dem Traktor verbunden. Der Arbeiter fährt die steile Bahn zwischen zwei Rebreihen erstaunlich schnell hinunter und wird dann von der Seilwinde hochgezogen, während er gleichzeitig die Bahn zwischen den Rebstöcken mäht. Oben wird das Fahrzeug ganz auf die Ladefläche hochgezogen, und der Traktor rückt automatisch zur nächsten Rebreihe vor. Dann beginnt das Ganze von vorne. Faszinierend!

Immer wieder stossen wir auf Wiesen, die sich selbst überlassen sind. Auch die vielen Bäume gefallen uns. Die sind in der Schweizer Landwirtschaft leider fast überall alle ausgeräumt worden.

Kurz vor Bullay sehen wir die berühmte Doppelstockbrücke. Oben verkehren die Züge und auf der unteren Ebene die Strassenfahrzeuge. Und ganz links hinten sieht man den Turm, den wir gestern bestiegen haben.

Einige Zeit später erreichen wir das Gipfelkreuz über der Gemeinde Neef. Das sieht nicht so beeindruckend aus, wenn man auf dem Moselsteig von hinten zum Kreuz kommt. Aber die Aussicht ins Tal verschlägt uns den Atem. Wieder blicken wir auf zwei Seiten 150 Meter schier senkrecht zur Mosel hinunter.




Beim Gipfelkreuz ist auch eine Webcam installiert, deren Bilder man hier betrachten kann: Mosel Webcam Calmont. Kurz nach dem Aussichtspunkt passieren wir eine grosse Mobilfunkantenne, die wohl beide Seiten der Moselschleife abdeckt. Ich bin ja, was Sicherheitsfragen angeht, beruflich sicher etwas deformiert, aber dass die komplette Installation, alle technischen Bauteile sowie die ganze Verkabelung am Boden völlig frei zugänglich sind, das finde ich doch eher erstaunlich. Über den Schutz von Infrastrukturen sprechen wir ja nicht erst seit gestern …

Nun vernichten wir wieder auf kürzester Strecke die Höhendifferenz bis nach ganz unten, denn wir müssen über die Brücke im oberen Bild nach Bremm. Schneller Abstieg? Also in der Falllinie durch die Weinberge, heute zur Abwechslung auf einer Treppe.

Kurze Zeit später erreichen wir Bremm, wo wir mit dem Bus 710 nach Senheim fahren. Die Strecke führt entlang der Mosel und ist sehr touristisch; überall hat es Beizen, Gasthöfe, Hotels und Ferienwohnungen. Kein Wunder, wir sind in der Region des Calmont, eines bekannten Hügelzugs, der den angeblich steilsten Weinberg der Welt enthält. Den werden wir morgen genauer unter die Lupe nehmen.
In Senheim schlagen wir noch etwas Zeit tot, weil unser Gepäck für einmal noch nicht eingetroffen ist. Wir spazieren ins nahe gelegene riesige Camping Holländischer Hof, wo es von Holländern nur so wimmelt, leisten uns Kaffee und Kuchen und prüfen das Angebot des kleinen Ladens (bescheiden …).
Kurze Zeit später trifft das Gepäck ein und wir können duschen, waschen und Kleider wechseln, Ah, das tut gut. Nächtigen werden wir nicht im Hotel selbst, sondern im gegenüberliegenden Gästehaus. Das Zimmer ist klein, bietet aber alles Notwendige. Sorgen macht mir nur der Keller des Gebäudes. Was da wohl vorgeht?
